"Menschen"
Malerei von Julia Aatz im Saarbrücker Kulturfoyer
Eröffnung: 07.05.2009,19 Uhr

Text: Dr. Andreas Bayer, Kunsthistoriker

Sehr geehrter Herr Buth,
meine sehr geehrten Damen, meine Herren,

Anfang April 2008, also vor etwa einem Jahr wurde Julia Aatz rückwirkend mit dem Förderstipendium 2006 der Landeshauptstadt Saarbrücken ausgezeichnet.

Seit 2006 hat die menschliche Figur im Werk von Julia Aatz einen prominenten Stellenwert eingenommen. Neben singulären figürlichen Motiven bestimmen konstellative Situationen des Handelns, des Begegnens, des Miteinander-Seins die Bildkompositionen.

Julia Aatz zeigt in dieser Ausstellung mit Menschen-Bildern im Kulturfoyer 14 Arbeiten aus den Jahren 2004 bis 2008.

Betrachtet man den Lebenslauf der Künstlerin, dann ist es ganz interessant, dass Julia Aatz zunächst eine einer Ausbildung als Steinbildhauerin im Saarland begann. Nach Abschluss der Lehre bildete sich Julia Aatz über Auslandsstipendien sowie Weiterbildungsmaßnahmen fort und absolvierte künstlerisch orientierte Kurse in Trier und an der Bosener Mühle. 1999 bis 2000 besuchte sie die Meisterschule im Steinmetzen- und Bildhauerhandwerk in Kaiserslautern und nahm daran anschließend das Studium der Freien Kunst an der Hochschule der Bildenden Künste Saar auf, das sie 2005 mit dem Diplom beendete.

Hier entwickelte sie insbesondere die Malerei als Leitmedium ihrer künstlerischen Tätigkeit.
Es lassen sich mehrere Themenfelder benennen, mit denen sich Julia Aatz in ihrer Malerei beschäftigt.

Biografisch motiviert - seit dreißig Jahren züchtet der Vater von Julia Aatz Islandpferde - liegt ein quantitativer Akzent der Malerei in der Beschäftigung mit dem Motiv des Pferdes - sei es das Porträt des Tieres, sei es das Tier in Bewegung. Kraft, Schönheit und Individualität der Tiere werden in je spezifischen bildlichen Formulierungen zum Ausdruck gebracht.
Ein weiterer thematischer Pol ist mit der Landschaft gegeben, die als hauptsächliches Thema 2005 präsent war. Die Landschaften von Julia Aatz erscheinen als menschenleere, entindividualisierte Enviroments von eigentümlich undefinierter Materialität. Straßen und Wege fungieren als zentrale bildkompositionelle Elemente. Die landschaftliche oder urbane Vorlage wird über die vereinheitlichende Textur der Oberfläche an eine abstrakte Formation herangeführt, die mehr der kompositionellen Gültigkeit dient als der Abbildungsfunktion konkreter Wirklichkeiten gerecht zu werden.

Neben Tier und Landschaft spielt schon während des Studiums die menschliche Figur immer eine Rolle. Es entstehen Porträts und Gruppenbilder, die in atmosphärischer Aufladung durch koloristische Verfremdung und z. T. drastische Hell-Dunkel-Kontrastierung den Betrachter auf Distanz halten, keine Nähe zu den abgebildeten Personen zulassen. Eine Fremdheit, die das Bildpersonal auch in Gruppensituationen vereinzelt.

In den neueren Menschen-Bildern von Julia Aatz ist eine veränderte Qualität des Beieinander-Seins festzustellen. Das Motiv des kindlichen Spiels erscheint vermehrt: Ball spielende Kinder, Kinder auf einem Spielplatz oder Kinder am Meer.

Die Figuren bleiben allerdings immer diffus. Die Umgebung, der räumliche Kontext, in dem sich die Figuren entfalten, wird angedeutet, jedoch nie vollends als konkrete Wirklichkeit ausformuliert.
Es sind Situationen von eigentümlicher Unbestimmtheit, z. T. wie durch einen Schleier gesehen.

Vielleicht geht es Ihnen ja auch so: Dieses Unfassbare der Bildrealität lässt die Malereien von Julia Aatz wie eine Erinnerung erscheinen, aus der die figürlich bestimmte Situation noch am deutlichsten hervortritt.

Wie die Psychologie lehrt, unterscheiden sich Erinnerungen an Episoden, also Erlebnisse vom Wissen über eben diese Episoden.
Das eine ein rationales Element - das Wissen, das andere ein emotionales, das Erleben.
Erinnerungen - erinnern Sie sich einmal an vielleicht einmal an Ihre Erinnerungen - sind meist multimedial: Sie enthalten bildhafte Elemente, Szenen, die wie ein Film ablaufen, Geräusche und Klangfarben, oft auch Gerüche und vor allem Gefühle.
Erinnerungsvermögen ist die Fähigkeit, im autobiographischen Gedächtnis vorhandene Repräsentationen von Erlebnissen, also Erinnerungen, zu finden. Die Erinnerung repräsentiert also ein vergangenes Erlebnis.
Aber: Das Erinnerungsvermögen ist nicht zu verwechseln mit der Fähigkeit, auswendig gelerntes Wissen von Ereignissen abzurufen.
Und dieses Wissen-Wollen ist für uns Menschen ja ein ganz zentrales Motiv unseres Seins und Handelns.
Warum nun dieser vielleicht etwas abstrakte Vorlauf?
Ich glaube - oder zumindest ist es meine Wahrnehmung - dass Julia Aatz mit Erinnerungen arbeitet.
Es sind sicherlich Szenen aus dem biografischen Umfeld der Künstlerin. Kinder von Freunden und Bekannten - möglicherweise nach fotografischen Vorlagen.

Aber wir als Betrachter müssen das gar nicht so genau wissen. Es spielt für die Bilder letztendlich keine Rolle.
Es sind Erinnerungsbilder, die wir selbst uns aneignen können, weil wir Situationen, die dargestellt sind, selbst auch kennen oder erlebt haben.

Etwa das Bild "Spielkinder" aus dem Jahr 2008, bei dem ein Erwachsener mit schwarzem Hemd und ein Junge mit freiem Oberkörper in einer Spielsituation dargestellt sind - wahrscheinlich Fußball (der Ball ist aber nicht zu erkennen).
Die Umgebung ist schemenhaft als in verschiedenen Grüntönen, die von aquarellartig aufgetragenem hellen Blau durchwirkt werden, gegeben. - Als Wiese lesbar. Nach oben hin erfolgt ein Abschluss dieser Zone mit einer Horizontlinie über der sich in der linken Bildhälfte Helligkeit ausbreitet, rechts den Kopf des Mannes umfangend eine Dunkelzone bildet.

Wie bei einer Erinnerung, die selektiv arbeitet, sind bestimmte Elemente konkreter ausgearbeitet, andere weniger.
Vielleicht wird durch diese Bildgestaltung auch eine zeitliche Distanz an das Ereignis sichtbar - eine Ungewissheit.


Daneben: "Ich hab's", 2008, zwei Personen und ein Hund, der offensichtlich einen Stock im Maul hält.
Hier sind die Figuren mehr eingebettet in die Gesamtatmosphäre des Bildes. Sie sind schemenhafter, fast durchsichtig - noch weniger greifbar als in dem zuvor beschriebenen Bild.

Anders in "Sommer", 2004, mit einer sitzenden Frau und zwei Kindern - sicherlich eine Mutter mit ihren beiden Kindern an einem Sommertag - vielleicht bei einem Familienausflug oder im Garten, ein klassisches Schnappschussmotiv
Die Figuren sind hier dem Betrachter frontal zugewandt. Scheinbar wird die Bildwelt hierdurch zugänglicher. Aber auch hier hält uns Julia Aatz auf Distanz. Der Blick der Frau scheint und kritisch zu prüfen.

Vollends aufgelöst hat sich die körperliche Materialität in dem Bild "Kinder am Steg", 2008. Sieben Kinder, die ausgelassen von einem Steg aus ins Wasser springen. Die Leiber durchscheinend, so dass die Lineamente und Farbaspekte des Hintergrunds in die menschliche Figur hineinwirken.
In einer anderen Malerei drehen sich zwei Jungen auf einem Spielplatzkarussell. Die Gesichter - generell bei Julia Aatz sind entweder vom Betrachter abgewandt oder aber nicht näher artikuliert.

Das Heitere und Ausgelassene des Spiels wird in den Bildern der Künstlerin immer wieder zurückgenommen. Wie fröhlich sind die Menschen beim Spiel - wir sehen es nicht wirklich, da uns das Antlitz verschlossen bleibt.

Julia Aatz thematisiert hier also nicht die konkrete menschliche Physiognomie. Es sind keine Porträts von Menschen. Vielmehr sind die aktuellen Menschen-Bilder vielleicht als Erinnerungsporträts von spezifischen Situationen mit allgemeiner Bedeutung zu verstehen. Anknüpfungsmöglichkeiten für den Betrachter finden sich in den jeweils subjektiven Assoziations- und Erlebnishorizonten.

Situationen als Erinnerungen, die mit eigener Bildwirklichkeit zu Bildern werden.