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"Menschen" Text: Dr. Andreas Bayer, Kunsthistoriker Sehr geehrter Herr Buth, Anfang April 2008, also vor etwa einem Jahr wurde Julia Aatz rückwirkend mit dem Förderstipendium 2006 der Landeshauptstadt Saarbrücken ausgezeichnet. Seit 2006 hat die menschliche Figur im Werk von Julia Aatz einen prominenten Stellenwert eingenommen. Neben singulären figürlichen Motiven bestimmen konstellative Situationen des Handelns, des Begegnens, des Miteinander-Seins die Bildkompositionen. Julia Aatz zeigt in dieser Ausstellung mit Menschen-Bildern im Kulturfoyer 14 Arbeiten aus den Jahren 2004 bis 2008. Betrachtet man den Lebenslauf der Künstlerin, dann ist es ganz interessant, dass Julia Aatz zunächst eine einer Ausbildung als Steinbildhauerin im Saarland begann. Nach Abschluss der Lehre bildete sich Julia Aatz über Auslandsstipendien sowie Weiterbildungsmaßnahmen fort und absolvierte künstlerisch orientierte Kurse in Trier und an der Bosener Mühle. 1999 bis 2000 besuchte sie die Meisterschule im Steinmetzen- und Bildhauerhandwerk in Kaiserslautern und nahm daran anschließend das Studium der Freien Kunst an der Hochschule der Bildenden Künste Saar auf, das sie 2005 mit dem Diplom beendete. Hier entwickelte sie insbesondere
die Malerei als Leitmedium ihrer künstlerischen Tätigkeit. Biografisch motiviert - seit
dreißig Jahren züchtet der Vater von Julia Aatz Islandpferde
- liegt ein quantitativer Akzent der Malerei in der Beschäftigung
mit dem Motiv des Pferdes - sei es das Porträt des Tieres, sei
es das Tier in Bewegung. Kraft, Schönheit und Individualität
der Tiere werden in je spezifischen bildlichen Formulierungen zum Ausdruck
gebracht. Neben Tier und Landschaft spielt schon während des Studiums die menschliche Figur immer eine Rolle. Es entstehen Porträts und Gruppenbilder, die in atmosphärischer Aufladung durch koloristische Verfremdung und z. T. drastische Hell-Dunkel-Kontrastierung den Betrachter auf Distanz halten, keine Nähe zu den abgebildeten Personen zulassen. Eine Fremdheit, die das Bildpersonal auch in Gruppensituationen vereinzelt. In den neueren Menschen-Bildern von Julia Aatz ist eine veränderte Qualität des Beieinander-Seins festzustellen. Das Motiv des kindlichen Spiels erscheint vermehrt: Ball spielende Kinder, Kinder auf einem Spielplatz oder Kinder am Meer. Die Figuren bleiben allerdings
immer diffus. Die Umgebung, der räumliche Kontext, in dem sich
die Figuren entfalten, wird angedeutet, jedoch nie vollends als konkrete
Wirklichkeit ausformuliert. Vielleicht geht es Ihnen ja auch so: Dieses Unfassbare der Bildrealität lässt die Malereien von Julia Aatz wie eine Erinnerung erscheinen, aus der die figürlich bestimmte Situation noch am deutlichsten hervortritt. Wie die Psychologie lehrt,
unterscheiden sich Erinnerungen an Episoden, also Erlebnisse vom Wissen
über eben diese Episoden. Aber wir als Betrachter müssen
das gar nicht so genau wissen. Es spielt für die Bilder letztendlich
keine Rolle. Etwa das Bild "Spielkinder"
aus dem Jahr 2008, bei dem ein Erwachsener mit schwarzem Hemd und ein
Junge mit freiem Oberkörper in einer Spielsituation dargestellt
sind - wahrscheinlich Fußball (der Ball ist aber nicht zu erkennen). Wie bei einer Erinnerung,
die selektiv arbeitet, sind bestimmte Elemente konkreter ausgearbeitet,
andere weniger.
Anders in "Sommer",
2004, mit einer sitzenden Frau und zwei Kindern - sicherlich eine Mutter
mit ihren beiden Kindern an einem Sommertag - vielleicht bei einem Familienausflug
oder im Garten, ein klassisches Schnappschussmotiv Vollends aufgelöst hat
sich die körperliche Materialität in dem Bild "Kinder
am Steg", 2008. Sieben Kinder, die ausgelassen von einem Steg aus
ins Wasser springen. Die Leiber durchscheinend, so dass die Lineamente
und Farbaspekte des Hintergrunds in die menschliche Figur hineinwirken. Das Heitere und Ausgelassene des Spiels wird in den Bildern der Künstlerin immer wieder zurückgenommen. Wie fröhlich sind die Menschen beim Spiel - wir sehen es nicht wirklich, da uns das Antlitz verschlossen bleibt. Julia Aatz thematisiert hier also nicht die konkrete menschliche Physiognomie. Es sind keine Porträts von Menschen. Vielmehr sind die aktuellen Menschen-Bilder vielleicht als Erinnerungsporträts von spezifischen Situationen mit allgemeiner Bedeutung zu verstehen. Anknüpfungsmöglichkeiten für den Betrachter finden sich in den jeweils subjektiven Assoziations- und Erlebnishorizonten. Situationen als Erinnerungen,
die mit eigener Bildwirklichkeit zu Bildern werden.
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